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Hauptuntersuchung: Das Auto auf dem Prüfstand

So mancher Autobesitzer geht lieber zum Zahnarzt als mit seinem Vehikel zur Hauptuntersuchung (HU). Dabei tut das gar nicht weh. Versprochen. Wir haben einem Prüfingenieur bei der Prozedur über die Schulter geschaut.

 

Auf der Plakette lässt sich ablesen, wann die nächste HU fällig ist.

Auf der Plakette lässt sich ablesen, wann die nächste HU fällig ist.

„Mein Auto muss zum TÜV.“ Wenn wir das sagen, meinen wir damit die Hauptuntersuchung (HU). TÜV hat sich umgangssprachlich durchgesetzt wie Tempo oder Zewa. Daher muss die HU auch nicht vom TÜV (Technischer Überwachungsverein) abgenommen werden. Wir waren mit unserem acht Jahre alten Skoda Roomster direkt bei der DEKRA-Außenstelle in Leinfelden-Echterdingen. Wir sind mit unserem Termin gut in der Zeit, bestätigt uns Prüfingenieur Sönke Stepper. Wer die Frist für die anstehende Hauptuntersuchung auch nur um einen Tag überzieht, begeht bereits eine Ordnungswidrigkeit. In der Regel sind die Ordnungshüter da aber noch kulant.

Frist ist bindend
Wer jedoch mit einer mehr als zwei Monate abgelaufenen Prüfplakette in eine Verkehrskontrolle gerät, dem drohen Verwarnung, Bußgeld oder gar Punkte in Flensburg – je nachdem, wie lange der Termin bereits überfällig ist. Außerdem muss der Säumige bei einer Überschreitung von mehr als zwei Monaten einen Aufpreis von 20 Prozent auf den HU-Preis berappen, da das Fahrzeug dann intensiver geprüft werden muss, erklärt Stepper. Bei Unfällen, die auf eine fehlende Hauptuntersuchung zurückzuführen sind, kann die Kfz-Versicherung dem Fahrzeughalter gegenüber sogar Regressansprüche geltend machen.

100 Punkte
Als Stepper unser Auto in die Halle fährt, hupt er. Nicht etwa, weil wir im Weg stehen. Damit hat er bereits den ersten von mehr als 100 Punkten abgearbeitet, die bei einer HU geprüft werden. Eigentlich auch schon den zweiten. Denn der Weg vom Parkplatz auf die Hebebühne gilt als Probefahrt.

Ohne AU keine HU
Eine gültige Abgasuntersuchung (AU) ist die Voraussetzung für eine HU. Die kann bereits in einer Werkstatt erfolgt sein. Das darf aber nicht länger als zwei Monate her sein. Bei unserem Roomster lassen wir alles in einem Aufwasch machen. Stepper erfasst zunächst einmal alle Fahrzeugdaten samt Kraftstoffart, Kennzeichen und Kilometerstand. Nur so kann die Abgasuntersuchung nachher auch dem Auto zugewiesen werden.

Wir atmen auf
Bevor das Messgerät zum Einsatz kommt, macht der erfahrene Prüfingenieur eine sogenannte Sichtkontrolle. Dabei nimmt er unter anderem Sonden und Sensoren in Augenschein und schaut die Flüssigkeitsstände wie Kühlwasser und Motoröl nach. So kann er eventuelle Defekte am Motor erkennen, die Einfluss auf die Abgaswerte hätten, erklärt er. Im Auspuff platziert er eine Messsonde. Bei einer durchschnittlichen Drehzahl von 3.000 Umdrehungen wird schließlich 30 Sekunden lang gemessen. Bei unserem Roomster ist alles im grünen Bereich. Kohlenstoffmonoxid (CO) ist quasi nicht nachweisbar. Da atmen die Umwelt und wir gleichermaßen auf.

Werkstätten sind ausgestattet
Vorab hat Stepper unseren Skoda bereits auf einen anderen Prüfstand gestellt – auf den Bremsenprüfstand. Dieser misst unter anderem, ob die Bremsen auf beiden Seiten gleich stark anziehen. Während Stepper erzählt, kontrolliert er scheinbar nebenher ganz routiniert, ob Kennzeichen und Fahrgestellnummer mit den Daten im Fahrzeugschein übereinstimmen, die Gurte schließen und sich alle Türen öffnen lassen. Unser Verbandkasten ist abgelaufen. Den müssen wir gegen einen neuen austauschen. Ein Hinweis, der später auch in unserem Prüfbericht stehen wird.

Blick ins Herzstück
Ein wichtiger Punkt bei der HU ist die Beleuchtung. Ohne den richtigen Durchblick bei Nacht und Nebel kann es schließlich lebensgefährlich werden. Die gute Nachricht: Bei unserem Roomster funktionieren die Scheinwerfer tadellos. Ein kleines Manko: Einer der beiden Nebelscheinwerfer ist zu tief eingestellt. Das lassen wir in einer Fachwerkstatt natürlich zeitnah beheben.

Schließlich geht es ans Herzstück unseres Wagens. Mit einer Taschenlampe verschafft sich Sönke Stepper Licht im Motorraum, checkt Elektrik, Kühlaggregat und Batterie und prüft, ob alle Leitungen ordentlich isoliert und dicht sind.

Ersehnte Plakette ist rosa
Schließlich „schwebt“ unser Roomster auf der Hebebühne fast zwei Meter über dem Hallenboden. So kann Stepper Räder und Reifen auf Augenhöhe prüfen. Ob lädierte Stoßdämpfer, Radlager mit zu viel Spiel, abgefahrene Bremsbeläge, verschlissene Bremsscheiben oder Rost am Unterboden – dem geschulten Blick von Sönke Stepper entgeht nichts. 70.000 Kilometer hat unser Skoda auf dem Buckel. Und er scheint noch gut in Schuss. Der Prüfingenieur hat jedenfalls nichts weiter zu bemängeln.

Sönke Stepper greift in seine Bauchtasche und zieht die ersehnte Plakette heraus. Dort verwahren er und seine Kollegen auch ihre jeweils personalisierten Prüfstempel. So kann niemand Schindluder damit treiben.

Die gelbe Plakette kratzt er von unserem Kennzeichen und klebt die neue, rosafarbene drauf. In den Fahrzeugschein gibt es den Prüfstempel, den Prüfbericht bekommen wir ausgehändigt. Den müssen wir im Auto mit uns führen, damit wir ihn bei einer Kontrolle vorweisen können. Eine halbe Stunde hat das Ganze gedauert. Wehgetan hat es nicht, höchstens dem Geldbeutel ein wenig. 125 Euro müssen wir insgesamt bezahlen – mit 79.50 Euro schlägt die HU zu Buche, der Rest sind die Kosten für die Abgasuntersuchung.

Übrigens bieten die meisten Werkstätten einen HU-Service an. Dann kommen die Prüfingenieure der Überwachungsvereine vor Ort.

Wann muss das Auto zur HU?
Wann die nächste Prüfung fällig ist, verrät die runde Prüfplakette auf dem hinteren Nummernschild. Bei einem Neuwagen ist das in der Regel nach drei Jahren der Fall. Danach muss der Autobesitzer mit seinem Fahrzeug alle 24 Monate zur Hauptuntersuchung anrücken. Dies sind allgemein gültige Fristen. Für Mietwagen etwa gibt es Sonderregelungen. Die Zahl auf der 12-Uhr-Position verrät den Monat, die Zahl in der Mitte der Plakette das Jahr. Mit der Hauptuntersuchung ist gleichzeitig auch die Abgasuntersuchung fällig.

Kurzinterview mit Sönke Stepper
Sönke Stepper ist Fachabteilungsleiter Kfz-Prüfwesen bei der Stuttgarter DEKRA-Niederlassung. Wir haben uns mit ihm unterhalten.

Frage: Wie wird man ein amtlich anerkannter Prüfer?
Antwort:
Eine Ausbildung im Kfz-Bereich oder erste praktische Berufserfahrung, etwa durch ein Praktikum, sind von Vorteil. Ein Ingenieurstudium ist Voraussetzung. Das kann etwa ein Abschluss in Maschinenbau, Mechatronik, Elektrotechnik oder auch Fahrzeugtechnik sein. In unserem Bildungszentrum in Wart absolvieren die Anwärter dann eine neunmonatige Ausbildung. Am Ende müssen sich die Anwärter vor der amtlichen Prüfungskommission behaupten. Unabdingbar ist außerdem der Führerschein der Klassen A, B und CE. Fehlende Führerscheinklassen können allerdings noch während der Ausbildungszeit zum DEKRA-Prüfingenieur absolviert werden.

Frage: Wie viele DEKRA-Prüfstationen gibt es bundesweit?
Antwort:
Mehr als 600, organisiert in 74 Niederlassungsgebieten. Insgesamt haben wir 6.000 Prüfingenieure. Viele Hauptuntersuchungen finden aber direkt in den Autohäusern und Werkstätten statt. Dort sind unsere Prüfer dann vor Ort.

Frage: Was sollten die Fahrzeugbesitzer tunlichst vermeiden, wenn sie eine Prüfplakette haben möchten?
Antwort:
Wir machen immer wieder schlechte Erfahrungen mit Internetkäufen. Da werden beispielsweise Felgen oder Spoiler montiert, die sich als Plagiate herausstellen. Sie sind gar nicht durch das Kraftfahrt-Bundesamt zugelassen. Andere haben gefälschte Prüfzeichen. Wer so etwas montiert, verliert die Betriebserlaubnis für sein Auto. Das gilt auch für so manchen Nachrüstsatz für die Fahrzeugbeleuchtung. Deshalb ist es sinnvoll, sich gleich an die Fachwerkstatt seines Vertrauens zu wenden, wenn man sein Auto tunen möchte. Dann erlebt man bei der Hauptuntersuchung keine böse Überraschung.